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Der steife Mann

  • 13. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

Es beginnt harmlos: morgens das Aufstehen fühlt sich an wie ein Kampf gegen den eigenen Körper. Die Hüfte blockiert, der untere Rücken meldet sich mit dumpfem Ziehen, die Knie knirschen beim ersten Schritt. Für viele Frauen aber auch Männer – ob 35 oder 65 – ist das Alltag. Doch statt zum Arzt oder zur Physiotherapeutin zu gehen, wird die Steifigkeit mit Stoizismus ertragen. "Das geht schon wieder weg", lautet das stille Mantra. Meistens geht es aber nicht weg. Es wird schlimmer.

Was steckt hinter dieser typisch männlichen Körpererfahrung? Und warum ist ausgerechnet Pilates – oft als "Frauensache" abgetan – zusammen mit gezieltem Beckenbodentraining eine der wirksamsten Antworten? Ein Blick in die Anatomie, in die Köpfe von Männern und in die Trainingslehre.

Der männliche Körper: von Natur aus steifer?

Ja – zumindest tendenziell. Studien zeigen konsistent, dass Männer im Durchschnitt weniger beweglich sind als Frauen. Der Grund liegt zu einem guten Teil in der Biologie: Das weibliche Hormon Östrogen fördert die Dehnbarkeit von Bändern und Sehnen. Testosteron hingegen begünstigt den Muskelaufbau, macht das Bindegewebe aber kompakter und weniger elastisch. Dazu kommt, dass Männer in der Hüftmorphologie anatomisch anders gebaut sind: Das männliche Becken ist schmaler und steiler, die Hüftpfannen liegen enger zusammen – was die Bewegungsfreiheit im Hüftgelenk von vornherein einschränkt. Dieser Umstand hemmt Männer oft mehr zum Yoga oder Pilates zu gehen, da sie oft denken, „Dafür muss ich beweglich sein!“ oder „Was denken die Anderen?“

Hinzu kommt das Verhalten. Wer den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, verkürzt systematisch die Hüftbeuger – jene Muskeln, die die Oberschenkel mit dem Rumpf verbinden. Der Iliopsoas, der wichtigste Hüftbeuger, zieht sich bei stundenlangem Sitzen zusammen wie ein Gummiband, das man permanent auf Spannung hält. Wechselt man dann in die Freizeit und belastet den Körper mit Sport – oft einseitig, oft ohne Ausgleich –, entstehen muskuläre Ungleichgewichte, die sich mit der Zeit als Schmerzen und Einschränkungen manifestieren.

Viele Männer trainieren nur das, was man im Spiegel sieht. Brust, Arme, Schultern. Der hintere Rumpf, die Hüfte, der Beckenboden, das bleibt leider auf der Strecke. Und genau dort entsteht das Problem.


Der Beckenboden: das verborgene Fundament

Spricht man Männer auf den Beckenboden an, erntet man oft ein Stirnrunzeln. Der Beckenboden, das ist doch etwas für Schwangere und Frauen nach der Geburt, oder? Weit gefehlt. Der Beckenboden ist ein muskulöses Geflecht, das die untere Öffnung des knöchernen Beckens verschließt. Er trägt die Organe im Bauchraum, stabilisiert die Wirbelsäule, kontrolliert Blasen- und Darmfunktion und spielt eine zentrale Rolle bei der sexuellen Gesundheit.

Stress, Sitzen, Kraftsport und emotionale Anspannung führen dazu, dass die Muskulatur dauerhaft erhöhten Tonus hat. Das klingt zunächst positiv, ist es aber nicht: Ein dauerhaft angespannter Beckenboden kann Schmerzen im Becken, im unteren Rücken, in der Hüfte und sogar in den Knien auslösen. Er blockiert die natürliche Bewegungskette des Körpers.

Beckenbodentraining für Männer bedeutet deshalb nicht in erster Linie "anspannen und halten". Es bedeutet: wahrnehmen, differenzieren, loslassen lernen. Dieses gezielte Entspannen und Koordinieren des Beckenbodens ist der Schlüssel zu einer besseren Hüftmobilität, einem stabilen Rücken und einer gesunden Körperhaltung.


Pilates: Präzision statt Schmerz

Joseph Pilates war ein Mann. Er entwickelte seine Methode in den 1920er-Jahren ursprünglich für Männer; für Tänzer, Boxer, Soldaten. Das vergisst die heutige Wellness-Industrie gern. Pilates ist kein sanftes Stretching für Frauen in Pastellfarben, sondern ein präzises Kraft- und Kontrollsystem, das den Körper von innen heraus stärkt.


Der Kern der Pilates-Methode ist das sogenannte „Powerhouse“ die tiefe Rumpfmuskulatur, bestehend aus dem Zwerchfell, dem Quermuskel des Bauches (Transversus abdominis), dem Multifidus entlang der Wirbelsäule und eben dem Beckenboden. Diese vier Strukturen arbeiten im idealen Körper als dynamische Einheit zusammen. Bei den meisten Menschen – und besonders bei untrainierten Männern – ist diese Koordination gestört.


Pilates schult genau diese Koordination: durch langsame, kontrollierte Bewegungen, durch Atemfokus und durch die bewusste Aktivierung tiefer Muskeln, die beim herkömmlichen Training kaum angesprochen werden. Die Übungen wirken nicht durch Erschöpfung, sondern durch Präzision. Wer Pilates macht, lernt seinen Körper auf eine Weise kennen, die kein Krafttraining ermöglicht.


Für steife Gelenke bedeutet das konkret: Die Hüftflexoren werden gedehnt, während gleichzeitig die stabilisierenden Muskeln aufgebaut werden. Das Becken lernt, sich in alle Richtungen zu bewegen. Die Wirbelsäule findet ihre natürliche Kurve wieder. Und der Beckenboden, bisher ignoriert oder dauerhaft angespannt, lernt seine eigentliche Aufgabe: koordiniertes Spannen und Loslassen im Rhythmus der Bewegung.


Beckenbodentraining zeigt bei Männern besonders deutliche Effekte auf Rückenschmerzen und Hüftmobilität. Denn ein entspannter, gut koordinierter Beckenboden entlastet die angrenzenden Gelenke direkt. Die sogenannte lumbopelvine Stabilität – das Zusammenspiel von Lendenwirbelsäule, Becken und Hüfte – ist der entscheidende Faktor dafür, ob ein Mensch beweglich und schmerzfrei durch den Alltag kommt.


Das Stigma überwinden

Die größte Hürde ist oft nicht der Körper, sondern der Kopf. In Südtirol, wie in vielen alpinen, traditionell geprägten Gesellschaften, gilt der Körper als Arbeitsgerät. Man schont ihn nicht, man pflegt ihn nicht, man hört nicht auf ihn. Männer, die zur Yoga-Matte greifen oder zum Pilates-Kurs anmelden, müssen in manchen Kreisen noch immer mit spöttischen Blicken rechnen.

Doch das Bild wandelt sich – auch hier im Land. Immer mehr Männer, viele davon Leistungssportler oder körperlich hart arbeitende Handwerker, entdecken Pilates und Körperbewusstseinstraining als das, was es ist: eine Form von Stärke. Es erfordert Konzentration, Ausdauer und die Bereitschaft, ehrlich mit den eigenen Grenzen umzugehen. Das ist alles andere als schwach.

Profifußballer wie Cristiano Ronaldo, Schwimmer wie Michael Phelps oder „unser“ Tennisprofi Jannik Sinner trainieren seit Jahren mit Pilates-Elementen. Nicht weil es modisch ist, sondern weil es funktioniert.


Zwei Übungen für den Anfang

Wer einsteigen möchte, braucht keine Matte in einem Studio. Diese drei Grundübungen – täglich zehn Minuten – zeigen erste Wirkung innerhalb von drei bis vier Wochen:


1. Pelvic Tilt (Beckenkippen): Rückenlage, Knie gebeugt, Füße flach auf dem Boden. Abwechselnd den unteren Rücken beim Ausatmen in den Boden schieben (Becken kippt nach hinten) und dann ein leichtes Hohlkreuz entstehen lassen beim Einatmen. Langsam, bewusst, mit Atemfokus. Zehn Wiederholungen. Diese Übung reaktiviert die Verbindung zwischen Gehirn und Beckenboden.


3. Beckenboden-Koordination: Im Sitzen oder Liegen: Beim Ausatmen den Beckenboden sanft "hochziehen" (nicht pressen!), beim Einatmen vollständig loslassen. 20 Wiederholungen täglich. Diese scheinbar simple Übung ist für viele Männer überraschend herausfordernd – und entsprechend wirkungsvoll.

Fazit: Der klügste Muskel ist der, den man kennt

Gelenksteifigkeit ist kein Schicksal. Sie ist das Ergebnis von Gewohnheiten – und Gewohnheiten lassen sich ändern. Männer, die beginnen, auf ihren Körper zu hören, ihn nicht nur zu belasten, sondern auch zu pflegen, gewinnen nicht nur Beweglichkeit zurück. Sie gewinnen Energie, Schmerzfreiheit und langfristig eine bessere Lebensqualität.

Pilates und Beckenbodentraining sind dabei kein Ersatz für ärztliche Abklärung bei ernsthaften Beschwerden. Aber als präventives Werkzeug, als tägliche Pflege für das komplexeste Instrument, das wir besitzen, sind sie kaum zu übertreffen.


Der steife Mann muss nicht steif bleiben. Er muss nur anfangen, loszulassen.



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